Wenn „Doktorspiele“ aus dem Ruder laufen

Offizielle Statistiken deuten auf einen Anstieg sexueller Übergriffe unter Kindern hin, die oft im Rahmen von Doktorspielen stattfinden. Statt diese aber in Kitas erst gar nicht zuzulassen, sollen die Kinder ihre Neugier ausleben dürfen, solange dabei einige Regeln eingehalten werden. Damit aber wird den Kindern eine Verantwortung übertragen, die sie mehr als überfordert.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die Daten zu allen möglichen Straftaten dokumentiert, zeigt u.a. eine besonders bedenkliche Tendenz: Die Zahl der sexuell übergriffigen Kinder hat in den letzten Jahren rasant zugenommen. Während es 1987 „nur“ 322 Tatverdächtige in der Altersgruppe unter 14 Jahren gab, waren es 2010 bereits 1345, 2019 fast dreimal so viele nämlich 3619, ein Jahr später sogar 4716. Auch die Allerkleinsten sind nicht davon ausgenommen: Zwischen 2010 und 2020 hat die PKS eine Verdoppelung der tatverdächtigen Kinder unter 6 Jahren erfasst, von 12 auf 24. Die Dunkelziffer liege laut Experten noch weit höher.

Je mehr Beratungsangebote, desto mehr Missbrauchsfälle

Dieser Trend wird auch von vielen Beratungsstellen für Betroffene sexuellen Missbrauchs beobachtet. Bei der Caritas-Fachberatungsstelle im Kreis Greifswald machen mittlerweile sexuell übergriffige Kinder ein Drittel ihrer Arbeit aus. Bei Zartbitter e.V. beziehen sich 40% aller Beratungsanfragen „auf sexuell übergriffiges Verhalten von Kindern“. Eine Beraterin der Caritas Greifswald spricht in diesem Zusammenhang von einem Phänomen: „Je stärker wir die Strukturen ausbauen und Angebote unterbreiten, desto mehr Menschen melden sich bei uns.“

Aber selbst wenn die Datenlage keinen Zweifel an der Zunahme lässt, glaubt der forensische Psychologe Andrej König, der vor 2011 eine Studie zum Thema „Sexuelle Übergriffe durch Kinder und Jugendliche“ durchgeführt hat, dass die Zahlen nicht auf einen Anstieg der Fälle, sondern auf „ein geschärftes gesellschaftliches Bewusstsein“ zurückzuführen seien – nach dem Prinzip, je mehr davon die Rede ist, desto mehr sind Opfer und Angehörige bereit, den Missbrauch anzuzeigen. Denn internationalen Dunkelfeldstudien zufolge gebe es in den letzten Jahren sogar weniger Übergriffe unter Minderjährigen.

Viele Übergriffe beginnen als Doktorspiele

Auch wenn die Antwort auf die Frage nach dem Anstieg der Fälle nach wie vor strittig ist, in einem Punkt sind sich alle Experten einig: Viele Übergriffe unter Kindern seien nichts Anderes als „aus dem Ruder laufende ‚Doktorspiele‘“. Was oft als ein harmloses und gegenseitiges Erforschen beginnt, etwa im Kindergarten, wird oft zu einem Übergriff durch ein überlegenes Kind – wie es auch vermehrt in den Zeitungen berichtet wird.

Generell sei die Grenze zwischen Doktorspielen und sexuellen Übergriffen gar nicht so leicht zu setzen, erklärt der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann. Oft könne man nur schwer erkennen, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Erwachsene würden klare Warnsignale viel zu oft bagatellisieren: „Selbst wenn Kinder auffallend sexualisiertes Verhalten an den Tag legen, tun viele Erwachsene das als Doktorspielchen ab, die zur Entwicklung dazugehören“, so die Sozialpädagogin Tanja von Bodelschwingh.

Kinder werden mit Verantwortung überfordert

Aber statt Doktorspiele in Kitas gar nicht erst zuzulassen, um das Risiko von Übergriffen zu minimieren, wird von vielen Fachleuten die These propagiert, dass Kinder, die ihre Sexualität erforschen dürfen, besser vor Gefahren geschützt seien. Das Risiko, dass durch eine frühe Beschäftigung mit Sexualität die natürliche Schamgrenze der Kinder gesenkt wird, bleibt meist unerwähnt. Statt dessen wird behauptet, dass „Kinder, die ihre sexuelle Neugier befriedigen können, ein positives Körpergefühl“ entwickeln. „Sie sind in der Lage, zu erkennen, was sie wollen und was sie nicht wollen und lernen, das auch mitzuteilen. Mit solchen Kompetenzen sind sie besser geschützt gegen evtl. Gefahren“, schreibt zum Beispiel der Psychologe und Sexualwissenschaftler Konrad Weller.

Diese Argumentation geht auf die irrige Idee zurück, dass Kinder bereits ab der Geburt sexuelle Wesen seien – was aber alles andere als wissenschaftlich bewiesen ist. Ganz im Gegenteil: Seriöse Forscher zweifeln an dieser These. Genau an diesem Punkt scheitern denn auch viele Missbrauchspräventionsprogramme, da sie von einer kindlichen Sexualität ausgehen und daher Kindern vermitteln, dass die Erkundung des eigenen Körpers und des anderen Kinders unter Einhaltung weniger Regeln in Ordnung sei.

Diese Regeln aber – z.B. Nein sagen, Grenzen Anderer respektieren, nichts in Körperöffnungen einführen, Gefühle erkennen und ernst nehmen – gehen aber weit über den Reifegrad und die Selbstdisziplin der Kinder und überfordern sie mit einer Verantwortung, die sie gar nicht tragen können. „Man sagt den Kindern, sie müssen nein sagen können, genau das können Kinder aber oft nicht. Wenn es der beste Freund ist, der einem wichtig ist und den man nicht verlieren möchte, macht man als Kind relativ viel mit, ohne dem zu widersprechen“, sagt Andrej König. Wer aber dafür Verantwortung trägt, sind wir Erwachsene, die dafür zu sorgen haben, dass Kinder in Seele und Körper vor sexualisierten Inhalten und Verhaltensweisen geschützt werden, die nicht altersangemessen sind und ihnen Schaden zufügen.

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