Familie – Strahlkraft eines Ideals

Lässt sich Familie dekonstruieren? Kann eine Anti-Familienpolitik so fundamental brutal sein, dass der Dreiklang Vater, Mutter und Kind in seine einzelnen Bestandteile zerfällt? – Die Gefahr besteht, aber wir bleiben grundsätzlich optimistisch!


Statt eines Lamentos stimmen wir ein Hohelied auf die Familie an, versprachen wir vor einigen Wochen. Der Anlass war die Familienpolitik der Ampelkoalition. Eigentlich kein Grund für Optimismus. Doch wir haben uns folgenden prophetischen Aphorismus des Dichters Ernst Wichert als Leitmotiv auserkoren: „Vater, Mutter und Kind, das ist der ewig alte und immer wieder neue Dreiklang, der die Welt zusammenhält.“

Familie, das ist Natur pur, schließen wir uns Wichert an, und stellen fest: Das Wahre, Schöne und Gute ist kein Kulturprodukt, das man dekonstruieren kann! Statt uns also an den familienpolitischen Angriffen abzuarbeiten, wollen wir die Familie – ja, gemeint ist die klassische, die traditionelle, die echte, die Vater-Mutter-Kind-Familie – hochhalten und ein Hohelied anstimmen:

Was eine Familie ausmacht, das ist jedem Menschen eingeschrieben. Unsere familiären Wurzeln sind der Kern unseres Heimatgefühls. Jeder Mensch hat sein eigenes inneres Bild von Familie. Da hört man als Erwachsener nach vielen Jahren irgendwo den Dialekt, den vielleicht die Großeltern sprachen, und schon sind sie plötzlich wieder da: Die längst vergangenen Zeiten und die verblassten Bilder.

Die Orte der Kindheit sind ein paar wenige verklärte Szenen, die sich eingebrannt haben. Ein Ausflug, das erste Heimweh, eine Umarmung. Es werden mehr, wenn man in die Kindheitserinnerungen eintaucht. Vater und Mutter, Mutti und Vati, Papa und Mama, Mum und Dad – jeder Mensch hat sein eigenes inneres Bild, seine geheimen Filmsequenzen glücklicher Tage, gespeichert irgendwo in der Seele. Aber eines ist bei allen Menschen gleich: Man ist das Kind seiner Eltern. Für ein Kind sind seine Eltern das Zentrum der Welt.

Kleine Kinder suchen die Mitte zwischen ihren Eltern, beim Spazierengehen an der Hand von Papa und Mama, oder abends beim Einschlafen, am liebsten mitten rein zwischen beide Eltern. Später auf dem Spielplatz: „Mama, Papa, schaut mal!“ Bei der Abi-Feier und selbst bei der Verleihung akademischer Grade sind die Eltern mit dabei, manchmal sogar noch die Großeltern.

Und können die Eltern eines Tages nicht mehr mit dabei sein, hört das Gefühl, sie links und rechts neben sich zu haben, doch nie ganz auf. Man ist und bleibt das Kind seiner Eltern, auch dann noch, wenn eine kleine Hand nach der eigenen greift: Das ist er, der ewig alte und immer wieder neue Dreiklang, der die Welt zusammenhält.

Familie gehört zum Wesen des Menschseins

Kinder erleben Familie, wenn sie sich nicht erklären und wenn sie nicht performen müssen, wenn sie ganz sie selbst sein können, und wenn sie die Gewissheit haben, in jeder Situation angenommen zu sein. Kinder sehnen sich nach dieser bedingungslosen Liebe, die nur die leiblichen Eltern für ihre Kinder haben. Ihr Familiengefühl von Annahme, Sicherheit und Liebe ist auf Mama und Papa bezogen. Ein Kind kann ohne sein Wissen in einer liebevollen Pflegefamilie heranwachsen und hat doch ein inneres Gefühl für seine Eltern und entwickelt eine Sehnsucht nach ihnen, die sich irgendwann artikuliert.

Die Familie ist ein Ideal mit solch einer Strahlkraft, dass selbst ein Waisenkind ihren Glanz spüren und ein inneres Bild von seinem Vater und seiner Mutter entwickelt. Das tut es nicht deshalb, weil es viele Kinderbücher gibt, in denen glückliche Familien vorkommen, und es erst im Laufe seiner kulturellen Prägung eine Vorstellung von Familie entwickeln würden. Nein, die Vater-Mutter-Kind-Familie gehört zum Wesen des Menschseins. Jeder trägt eine Ahnung vom Ideal in sich.

Aber was ist, wenn die eigene Kindheit spürbar deutlich vom Ideal abweicht? Kann man vermissen, was man nicht kennengelernt hat? Ja, zum Beispiel empfinden Kinder, die eine konfliktbehaftete Elternbeziehung als alltäglichen Normalzustand erleben, den Mangel an Harmonie zwischen ihren Eltern ganz deutlich. Sie vermissen ihre Eltern als harmonische Einheit, weil sie als Kinder auf dieses Ideal ganz natürlich angewiesen sind. Unnatürlich ist es, dass sie sich seelisch mit diesem Konflikt in der Elternbeziehung arrangieren müssen. Kinder haben ein sensibles Gespür für die Beziehung zwischen ihren Eltern. Denn davon hängt für sie alles ab. Sie ist ihr Schutz- und Entfaltungsraum. Die Liebe zwischen Vater und Mutter beeinflussen den Selbstwert und die Identität der Kinder. Also auch jenseits offensichtlicher Brüche in der Elternbeziehung wie Streit, Trennung und Scheidung, spielt die Qualität der Liebe zwischen den Eltern eine entscheidende Rolle für das Vater-Mutter-Kind-Gefüge.

Familie ist kein Kulturprodukt

Vergleicht man sich unbewusst mit anderen, die eine glücklichere Kindheit hatten? Ja, aber nicht alles, was andere haben, führt einem schmerzhaft vor Augen, dass man es selbst nicht hat. Nur wenn man seine wunden Punkte dort hat, wo das in der Seele verankerte Idealbild von Familie sitzt, fühlt man den Schmerz und den Neid, wenn man ein Kind sieht, dass sich freudestrahlend in die Arme seiner Eltern wirft. Die Sehnsucht nach den Eltern, ihre Idealisierung als Einheit, wie auch der Wunsch selbst eine Familie zu gründen, gehören zur Natur des Menschen. Familie ist kein Kulturprodukt.

Auch wenn ein Kind seine Eltern nie kennengelernt hat, trägt es ein schemenhaftes Bild von ihnen in sich. Es erträumt sich Geschichten und Anekdoten, und legt sich eine Vorstellung zurecht, die die Eltern idealisiert. Durch sein Sehnen und Lieben wird die Imagination immer lebendiger und es entsteht eine Bindung.

Kinder, die den Tod eines Elternteils erleben, verkraften das besser als Kinder, deren Eltern sich scheiden lassen. Scheidungskinder fühlen sich bewusst verlassen und vorsätzlich im Stich gelassen. Schuldgefühle und Selbstwertprobleme sind sperrige Nomen der Fachliteratur. Die klare Sprache ist brüskierend, aber es ist wie es ist: Die Kinder fühlen sich schuldig und wertlos.

Es gibt unzählige Ursachen, wodurch Kinder der Möglichkeit beraubt werden, ihre Kindheit zu idealisieren. Ursachen für ein gestörtes Familiengefühl sind so zahlreich, wie es gestörte Familienbeziehungen gibt:

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise. 

Leo Tolstoi

Das gestörte Familiengefühl – was ist das? Wodurch wird der Dreiklang Vater-Mutter-Kind dissonant? Die Beantwortung dieser Fragen folgt in Kürze in einem eigenen Artikel, denn das Innenleben der Familie ist ein Thema für sich. Äußere Katastrophen wie Krieg, Armut, Arbeitslosigkeit spielen eine geringere Rolle, als man meint. Das hereinbrechende Unheil kann alles auslöschen, nur nicht das innere Bild von Vater und Mutter. Das äußere Leid kann alles zerstören, nur nicht das dem Kind eingeschriebene Familiengefühl. Und auch für Familien, die äußerlich in Frieden und Wohlstand leben, aber miteinander unglücklich sind, gilt die Prophezeiung von Wichert. Der intakte Vater, Mutter und Kind-Dreiklang, der die Welt zusammenhält, kann immer wieder neu entstehen. Auch wenn in ihrer Familie nicht alles optimal lief, geht in den Kindern die Melodie der glücklichen Familie nicht gänzlich verloren.

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