Pro Familia und die „Lust am Kind“

Der Verband pro familia, dem Marktführer in Sachen Sexualerziehung in Schulen und Kitas, veröffentlichte in seinen Vereinsmagazinen in den 80er und 90er Jahren „Beiträge, die Sex von Erwachsenen und Kindern gutheißen oder rechtfertigen“. Einer der Autoren, der in mehreren Beiträgen seine pädofreundlichen Ansichten verbreitete, war der Soziologieprofessor Rüdiger Lautmann.

Bis zu seiner Pensionierung 2010 lehrte und forschte Lautmann an der Universität Bremen. Laut Tagesspiegel setzte sich Lautmann für die Legalisierung von Pädophilie ein und war Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität, welche u.a. die Straffreiheit sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen forderte. 1994 veröffentlichte er das Ergebnis seiner Forschung über pädophile Männer unter dem Titel „Die Lust am Kind“. Die zentrale These seiner Untersuchung lautete, dass man zwischen Missbrauchstätern und „echten“ Pädophilen unterscheiden müsse. Letztere seien nicht primär an einem sexuellen Kontakt mit dem Kind interessiert, sondern an einer ganzheitlichen Zuwendung.

Pädophilie als eigenständige und ausdifferenzierte Sexualform

Diese These wiederholte Lautmann in verkürzter Form 1995 in einem Beitrag für das pro familiaMagazin: „Unsere Untersuchung definiert den Begriff des Pädophilen, grenzt ihn gegen Inzest, Mißbrauch und Sadismus ab. Und wir beweisen, daß es solche Männer gibt. Die These lautet mithin: Das Begehren zum Kind ist eine eigenständige und ausdifferenzierte Sexualform.” Pädophilie sei demnach eine sexuelle Orientierung wie alle anderen und keine Perversion mehr. Man müsse zwischen Pädophilie und Kindesmissbrauch unterscheiden, so Lautmann weiter, auch weil ein sexueller Kontakt mit einem “echten” Pädophilen für das Kind nicht unbedingt negativ sei. Eine Schädigung sei sogar „sehr fraglich”. Die “echten” Pädophilen zielten “gar nicht unmittelbar auf Sexualität, sondern zunächst auf die erotische Beziehung zu dem Kind”, die von besonderer Vorsicht gekennzeichnet sei.

In den Beziehungen habe er sogar “so etwas wie eine natürliche Willensübereinstimmung” gesehen, in dem Sinne, dass „das Kind den zurückgenommenen Formen des pädophilen Wünschens zugestimmt hat und dann mit sich einiges machen läßt, was ihm selber Spaß verschafft.” In dem enormen Machtgefälle zwischen Erwachsenem und Kind sah Lautmann augenscheinlich kein Problem, da der pädophile Mann „sich sehr in acht nehmen muss”, um dem Kind überhaupt nahezukommen und das Kind über Mittel verfüge, „den Mann auf Abstand zu halten”. So werde die Beziehung „auf gewisse Weise gleichgewichtig”. Zudem sei es „in der geschlechtlichen Intimität” anders, hier stünden sich die Beteiligten „entkleidet der Attribute des äußeren Lebens” gegenüber, sodass der Erwachsene am Ende nicht wirklich Dominanz ausüben könne, da er immer „fürchtet, daß das Kind ausbleibt”.

Distanzierung von pro familia ließ lange auf sich warten

Dieser haarsträubende Versuch der Verharmlosung von Pädophilie in wissenschaftlicher Verkleidung wurde im pro familia-Magazin ohne eine kritische Gegenstimme veröffentlicht. In derselben Ausgabe bekam auch das Buch von Lautmann „Die Lust am Kind“ eine sehr positive Rezension: Die Lektüre habe den Rezensenten davon überzeugt, dass Pädophilie „mit dem großen Hammer des Strafrecht zu bearbeiten nicht sinnvoll ist; er, der Hammer, hinterlässt nur Splitter und Trümmer nach allen Seiten.“ Als Antwort auf die empörten Reaktionen einiger Leser wiederholte Lautmann 1996 in einem weiteren Beitrag nachdrücklich, dass Kinder wohl unterscheiden könnten, „was unwillkommene Anmache, was Missbrauch oder was bloß aufregend ist”. Eine Stellungnahme oder gar Distanzierung vom Bundesverband gab es dazu nicht. Im Gegenteil verteidigte pro familia den Beitrag von Lautmann „als wissenschaftliche Untersuchung, (…) die sich Bewertungen ausdrücklich enthält” – so die Autoren der Studie zu pro familia und Pädosexualität.

Lautmann hielt über lange Zeit an seinen Positionen fest und wiederholte offen seine Thesen zur Pädophilie in Artikeln und Interviews. Erst Jahre später gab er zu, „durch unklare und saloppe Formulierungen“ die Kritik an seiner Studie „mit verursacht“ zu haben. Dass er sich in seinem Buch ausdrücklich gegen die Sicht der Pädophilen hätte distanzieren sollen, sah er allerdings nicht ein. Dies sei „nicht Aufgabe eines empirisch-sozialwissenschaftlichen Forschens“.

Pro familia konnte sich erst in den später 90er Jahren zu einer eindeutigen Positionierung zum Thema Missbrauch durchringen und richtete mehrere Hilfsangebote für missbrauchte Kinder ein. In dem 1998 veröffentlichten Positionspapier charakterisierte der Bundesverband, Pädophilie als immer missbräuchlich und betonte, dass Pädophile nur dann dem Kindeswohl dienen würden, „wenn sie Triebverzicht ausüben“. Für die vielen Opfer der Verharmlosung pädophiler Straftaten kamen diese Worte viel zu spät.

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