„Doktorspiele haben in Kitas nichts zu suchen“ – Interview mit Psychiater Dr. C. Spaemann.

Vor einigen Wochen sorgten öffentlich gewordene Details rund um die sexualpädagogische Weiterbildung in Brandenburger Kitas für einiges Aufsehen, insbesondere der empfohlene Umgang mit Masturbation und Doktorspielen. Im Interview mit Elternaktion widerlegt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Christian Spaemann die Thesen „moderner Sexualpädagogik“ und erklärt, wie man in der Kita auf Doktorspiele reagieren soll und wie eine effektive und kindgerechte Missbrauchsprävention aussehen könnte.

Elternaktion: Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für die von vielen Sexualpädagogen immer wieder ins Feld geführte Behauptung, das Kind sei ein „sexuelles Wesen“ von Geburt an?

Dr. Christian Spaemann: Der Begriff „sexuelles Wesen von Geburt an“ ist bei Kindern missverständlich. Er unterstellt Sexualität als eine Art allumfassender Lebensenergie im Sinne der neoemanzipatorischen Sexualpädagogik. Dieses Verständnis ist wissenschaftlich unhaltbar. Es ist richtig von Kindern als „sinnliche Wesen von Anfang an“ zu sprechen. Die Beziehung zu den Eltern soll liebevoll-sinnlich sein, was mit Sexualität an sich nichts zu tun hat. Eine innige Beziehung zu den Eltern hat einen entscheidend positiven Einfluss auf die spätere Bindungsfähigkeit des Kindes und damit auf eine gelungene Integration der Sexualität in eine befriedigende Beziehung. Das ist wissenschaftlich gut belegt. Es gibt bereits in der Kindheit in unterschiedlicher Ausprägung lustvolle Empfindungen im Bereich der Geschlechtsorgane. Dass diese Empfindungen aber für die psychische Entwicklung der Kinder eine wichtige Rolle spielen und gefördert werden sollten, darüber gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Nichts spricht dafür.

Elternaktion: Im Interview mit der MAZ sieht der Kinder- und Jugendpsychiater und Theologe Dr. Hans Willner die wichtigsten Unterschiede zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität in der „fehlenden Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit“ der Kinder und einer geringer „ausgeprägten Orgasmusfähigkeit“. Anders als Erwachsene würden sie die „sexuelle Stimulierung noch weniger stark“ empfinden. Was halten Sie von dieser Unterscheidung?

Spaemann: Wenn ich den Kollegen Willner richtig verstanden habe, sieht er bei kindlichen sexuellen Handlungen, wie mehr oder weniger bewusste Manipulationen im Bereich der eigenen Geschlechtsorgane, keine gezieltere Masturbation wie bei Jugendlichen oder Erwachsenen. Insofern kann man dies, wie er richtig bemerkt, nicht mit der Sexualität Erwachsener vergleichen. Man sollte die Kinder in dieser Sache einfach in Ruhe lassen. Es schadet aber auch nicht, wenn man im Alltag davon ablenkt und die Kinder ab einem gewissen Alter, ohne Abwertung, erfahren, dass die Manipulation der Geschlechtsorgane nicht in die Öffentlichkeit gehört. Eltern handeln hier meist instinktiv richtig.

Elternaktion: Oft liest man das Argument, Kinder bräuchten eine umfangreiche frühzeitige Aufklärung und die Möglichkeit, den eigenen Körper und den Körper anderer Kinder zu erkunden z.B. durch Selbstbefriedigung und Doktorspiele. Diese sog. „sexualfreundliche Haltung“ sei für die gesunde Entwicklung des Kindes essentiell: stärkeres Selbstwertgefühl, bessere Liebesfähigkeit, eine positive sexuelle Identität usw. Inwieweit stützen sich diese Aussagen auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse?

Spaemann: Das ist alles Unsinn und bar jeder wissenschaftlicher Belege. Die intakte Familie, die gute Beziehung zu den Eltern, das ist es, was den Kindern Sicherheit im Leben und die Fähigkeit gibt, sich später auf Beziehungen ernsthaft einzulassen. Hier liegen ja auch die großen Probleme unserer Gesellschaft und die tiefen Wunden in den Herzen unserer Kinder. Zu meinen, Kinder seelisch zu stärken, wenn man Ihre Aufmerksamkeit auf ihr Lustorgan lenkt, ist absurd und ein Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Problemen, die die Kinder haben und mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir sie unterstützen wollen. Anstelle von mehr Sexualpädagogik, brauchen wir vor allem Schulung in der Frage, wie wir den Kindern, die aus zerrissenen Familien kommen, Trost, Halt und ein einigermaßen positives Framing ihrer Situation geben können. Was die Doktorspiele anbelangt, so handelt es sich bei ihnen um Neugierde- und Explorationsverhalten. Dieses ist aber im Kontext eines Kindergartens viel zu riskant, als dass man es zulassen oder gar fördern könnte. Das kann ich als Psychotherapeut bezeugen. Jugendliche und Erwachsene berichten mir immer wieder von Übergriffen in der Kindheit, auch bei Doktorspielen, die sie nicht mehr vergessen können. Heutzutage werden auch pornographische Drehbücher von älteren Kindern in die Peergroup eingeschleust. Übergriffe gehen so schnell, dass die Kindergartenpädagogen meist zu spät dran sind. Sie können hierfür also gar nicht die Verantwortung übernehmen. Ich habe mich übrigens bei erfahrenen Kindergartenpädagoginnen erkundigt, Doktorspiele kommen im Kindergarten sowieso nur selten vor.

Elternaktion: Wie sollen Erzieher in der Kita reagieren, wenn sie ein masturbierendes Kind sehen oder Kinder, die Doktor spielen?

Spaemann: Freundlich unterbrechen und ablenken.

Elternaktion: Wie häufig ist überhaupt Masturbation bei Kindern?

Spaemann: Von „kindlicher Masturbation“ zu sprechen, halte ich an sich schon für problematisch. Unter Masturbation versteht man die gezielte Manipulation der Geschlechtsorgane zum Erreichen eines Orgasmus. Dies ist bei Kindern nur selten der Fall. Exzessives, masturbationsähnliches Verhalten von Kindern ist meist ein Hinweis auf eine belastende und spannungsreiche Lebenssituation. Es sollten die Eltern kontaktiert werden, ggf. die Familien Unterstützung bekommen. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen.

Elternaktion: Sollen sich Kinder im Vorschulalter überhaupt mit Sexualität beschäftigen und wenn ja in welchem Umfang?

Spaemann: Sexualität ist ein komplexes Geschehen, zu dessen Verständnis Vorschulkinder noch keinen inneren Zugang haben. Für sie ist Sexualität nur im Kontext der Fruchtbarkeit verständlich. Insofern sollte man sie ungefragt mit sexuellen Themen in Ruhe lassen.

Elternaktion: Immer wieder wird von den Verfechtern moderner Sexualpädagogik argumentiert, aufgeklärte Kinder seien besser vor Missbrauchsgefahren geschützt. Wie würden Sie dieses Argument aufgrund Ihrer Praxiserfahrung bewerten?

Spaemann: Das Benennen der eigenen Geschlechtsorgane und das Lernen, in Situationen, die als befremdlich empfunden werden, abwehrend zu reagieren und sich Hilfe zu holen, ist sicher wichtig. Das reicht aber für eine Missbrauchsprophylaxe nicht aus. Hierfür muss es klar definierte Tabugrenzen geben, die unabhängig vom subjektiven Empfinden der Kinder gelten. Die Pädophilen kennen doch die Tricks, wie sie an die Kinder rankommen.

Elternaktion: Inwieweit könnte eine zu frühe und umfangreiche Beschäftigung mit sexuellen Themen und Interessen Kinder gegen Missbrauchsversuche sogar abstumpfen lassen?

Spaemann: Das lässt sich schwer pauschal beurteilen. Da müsste man genauer nachfragen, was mit solch einer „umfangreichen Beschäftigung mit sexuellen Themen“ gemeint ist. Ausschließen möchte ich die Möglichkeit der Senkung der Schamgrenze und damit der erhöhten Anfälligkeit für Übergriffe aufgrund einer ideologischen Sexualpädagogik auf keinen Fall. Ab einem gewissen Alter stellt eine klare und reflektierte Aufklärung sicher einen gewissen Schutz vor Missbrauch dar. Was ich klar benennen kann und von dem ich weiß, dass es „mein“ Intimbereich ist, kann ich auch besser schützen.

Elternaktion: Wie könnte eine wirklich effektive und kindgerechte Missbrauchsprävention aussehen?

Spaemann: Die effektivste Missbrauchsprophylaxe ist die Überwachung durch die Erwachsenen. Man muss die Kinder im Auge behalten und reflektieren, mit wem man sie alleine lässt. Dabei sollten z. B. die Eltern so diskret vorgehen, dass sie nicht zu Helikoptereltern werden. Benennung der Geschlechtsorgane, markieren, dass diese dem eigenen Intimbereich zugehören und niemand Zugang dazu hat und das Durchsprechen von möglichen Übergriffs-Situationen und die entsprechenden Reaktionen darauf, kann sicher eine gewisse Wirkung haben. Allerdings sollte man die Wirkung einer Missbrauchsprophylaxe durch entsprechende Unterweisung der Kinder nicht überschätzen. So weist unter anderen der erfahrene niederländische Tätertherapeut Ruud Bullens darauf hin, dass in der Anbahnungsphase, dem sog. Grooming, Kinder praktisch keine Chance haben sich gegen Erwachsene abzugrenzen.

Elternaktion: Sehr geehrter Herr Dr. Spaemann wir danken Ihnen für das Gespräch.

6 Gedanken zu “„Doktorspiele haben in Kitas nichts zu suchen“ – Interview mit Psychiater Dr. C. Spaemann.

  1. Sehr geehrtes Team,
    ich hatte einen sehr langen Beitrag formuliert, bzw. geschrieben, den ich leider „verlor“!
    An Ihren Diskussionen und Einstellungen bin ich sehr interessiert, vor allem auch daran, wie hefitg und teilweise arg überzogen
    Kirche Jahr um Jahr an den „Pranger“ gestellt wird und VIELES andere unbenannt bleibt, so gerade auch die Gefahr von Gender und den Bestrebungen der sogn. „Sexuellen Bildung“!

    Gern komme ich ins Gespräch mit Ihnen oder auch mehr!

    mit freundlichen Grüßen
    Birgit Lengert
    Dr. C. Spaemann stimme ich ihn hohem Maße zu und bin dankbar, dass es noch so klar denkende und auch fühlende Menschen gibt….mit Überzeugungskraft und Glaubhaftigkeit!

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  2. …ich habe nun zweimal meinen zustimmenden Kommentar verfasst und er ging jedes Mal verloren.
    Ich komme aber gern mit Ihnen in Kontakt!

    mit freundlichen Grüßen
    Birgit Lengert

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  3. Ich weiß nicht, ganz so einfach ist es nicht. Kinder schwanken zwischen Bindung und Autonomie, und ein wichtiger Teil der Autonomie ist es, seinen eigenen Körper zu entdecken. Ich glaube sehr wohl, dass Kinder sexuelle Gefühle empfinden, nur wissen sie nicht, dass es sich darum handelt, sondern spüren, dass es sich dabei um was essentielles, wichtiges handelt und spielen Doktor nur mit Freundinnen und Freunden, denen sie zutiefst vertrauen. Noch dazu ist jedes Kind anders und ich halte es für unangemessen, jedes Kind gleich behandeln zu wollen. Wenn zwei Kinder aufmerksam in das Erkunden des Körpers vertieft sind, sollte man sie auf keinen Fall unterbrechen, denn das eingreifen eines Erwachsenen in diese Situation, in der diese frühen sexuellen Gefühle eingeschaltet sind, kann sich extrem negativ auswirken, das Kind kann sich in Gefahr sehen oder zutiefst beschämt fühlen oder sich in ihrer Privatsphäre und Autonomie zutiefst verletzt fühlen, ähnlich wie bei einem Übergriff durch einen Erwachsenen. Hinterher auf die Kinder zugehen und angemessen das Thema in einem allgemeinen Rahmen ansprechen finde ich sinnvoller. Wie er richtig gesagt hat, Doktorspiele sind normales Explorationverhalten und Kinder lernen dabei was. Ich glaube sogar dass es in der Formung der (geschlechtlichen) Identität eine große Rolle spielt, da Doktorspiele oft in einem zeitlichen Rahmen stattfinden, in denen Geschlechterrollen und bspw. auch Dinge wie Heirat für Kinder eine Rolle spielen. Sie entdecken den Unterschied zwischen Mädchen und Junge und Mann und Frau und es ist völlig okay, wenn sie das auf die Art und Weise tun, wie sie alles andere auch tun: forschend, Lust voll und entdeckend. Ich verweise auch nochmal auf Freuds Theorie der psychosexuelle Entwicklung, in der es quasi ein fester Bestandteil ist, dass Jungen weibliche Geschlechtsteile und Mädchen männliche Geschlechtsteile sehen und erkennen (natürlich bei gleichaltrigen Kindern), damit ein psychologischer Prozess in Gang gesetzt wird. Die Theorie wird zwar kritisch betrachtet, findet aber in der Wissenschaft noch Anklang und wurde nicht widerlegt. Es ist also alles komplexer und ich geb dem Mann in dem Interview nicht ganz Recht. Ganz so stumpf kann man es nicht betrachten

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