Wenn Kinder sexuell übergriffig werden

Sexuelle Übergriffe unter Kindern in Kitas sind keine Seltenheit. Doch die meisten Fachleute tun sich schwer damit, sexuelle Aktivitäten wie Doktorspiele zu unterbinden, obwohl diese oft der Ausgangspunkt für Grenzverletzungen sind. Vermutlich hängt es mit einer ideologisch geprägten Sicht zusammen, wonach Kinder sexuelle Erfahrungen untereinander machen sollten.


Immer wieder kommt es in Kitas unter Kindern zu sexuellen Übergriffen. Auf den medialen Schock folgt in den meisten Fällen rasch Vergessenheit. Die Vorkommnisse werden als traurige Einzelfälle abgetan und selten nach einem zusammenhängenden Muster gesucht. Dabei liegen die Fakten relativ offensichtlich auf dem Tisch. Aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird die Situation schön geredet und die Ursachen verschleiert.

In einem Interview mit der SZ gab die Diplompädagogin und Missbrauchsexpertin Ulli Freund unumwunden zu, dass es bei Doktorspielen – sie nennt sie explizit „sexuelle Aktivitäten“ – „leicht vorkommen (kann), dass Kinder Grenzen überschreiten. Die Kita, in der nichts passiert, will ich sehen“. Die Lösung für dieses alarmierende Problem lautet für Freund allerdings nicht, auf derartige „Spiele“ umgehend zu verzichten, um weitere Übergriffe zu verhindern. Sie fordert stattdessen, dass jede Kita ein sexualpädagogisches Konzept entwickeln sollte, damit Erzieher einheitlich auf „sexuelle Handlungen“ von Kindern reagieren und ihnen Regeln vermitteln können.

In der Tat haben inzwischen immer mehr Kitas diesen modus operandi übernommen. Sexualpädagogische Konzepte sind für die Arbeit mit Vorschulkindern nun oft ebenso eine Selbstverständlichkeit geworden, wie die Überzeugung, dass man Kinder bei freiwilligen sexuellen Aktivitäten in Ruhe lassen sollte. Diese pädagogische Sicht scheint kaum in Frage gestellt zu werden und findet dementsprechend immer mehr Einzug in alle mögliche Institutionen. Bereits 2006 hat zum Beispiel das Land Brandenburg Ulli Freund und Dagmar Riedel-Breidenstein beauftragt, einen Text zum Thema „Kindliche Sexualität zwischen altersangemessenen Aktivitäten und Übergriffen” als Handreichung für Erzieher zu verfassen.

Kinder erkunden ihre Sexualität

Wenn man das Konzept der Autoren genauer unter die Lupe nimmt, tauchen dabei Ideen auf, die bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit den Ansichten von Uwe Sielert, dem Begründer der neo-emanzipatorischen Sexualpädagogik, aufweisen. „Sexualität”, so heißt es im Text von Freund und Riedel-Breidenstein, „ist nicht das Vorrecht der Erwachsenen”. Sie sei eine „Lebensenergie”, in allen Lebensaltern unterschiedlich präsent, und müsse erlernt werden, so wie „Motorik, Sprache, Sozialverhalten”. Dass das Kind ein unschuldiges Wesen ist, sei ein „Mythos (…) einer lustfeindlichen Sexualmoral”. Kinder erkunden den Körper als „Quelle von Lustgefühlen” und können nicht unterscheiden „zwischen Zärtlichkeit, Schmusen und genitaler Sexualität”.

Wenn aber Kindern sexuell nicht aktiv seien, liege häufig der Grund in einem repressiven familiären Milieu, das ihnen Angst vor Bestrafung einflöße oder gar davor, dass „Gott, der alles sieht, sie bestrafen könnte”. Dieser repressiven Sicht stellen die Autoren eine „positive Einstellung zur Sexualität” gegenüber. Erzieher sollen der kindlichen Neugier dabei freien Lauf lassen, solange es nicht zu Übergriffen oder Verletzungen kommt oder sexuelle Aktivitäten vor aller Augen stattfinden. Kinder dürften frei ihre Sexualität erkunden, mit sich selbst und anderen.

Gefährliche Grenzüberschreitungen

Dass es bei so viel grenzenloser Freiheit auch leicht zu Grenzüberschreitungen kommen kann, zumal zwischen Kindern häufig ein Machtgefälle besteht, liegt eigentlich auf der Hand. Dies geben die Autoren auch offen zu: „Gerade jüngere oder schwächere Kinder sagen, sie wollten mitmachen, weil sie sich gar nicht bewusst sind, welcher Druck auf sie ausgeübt wird”. Auch komme es vor, dass das eine Kind mitten im sexuellen Spiel plötzlich keinen Spaß mehr habe und aufhören möchte, das andere, vielleicht überlegene Kind aber weitermachen möchte. Wenn aber Kinder laut den Autoren so leicht manipulierbar sind, ist es schwer vorstellbar, dass sie sich wehren können.

Für Freund und Riedel-Breidenstein stellen diese brandgefährlichen Situationen auch keinen Grund dar, Doktorspiele in Kitas zu verbieten. Dies sei nur in Ausnahmesituationen denkbar, etwa wenn „mehrere Kinder an den sexuellen Übergriffen beteiligt waren“, und sollte sowieso nur zeitlich begrenzt sein. Dabei wäre es die natürlichste Präventionsmaßnahme, Doktorspiele von vornherein zu unterbinden, weil man die Konsequenzen eigentlich nie verantworten kann. Doch dies scheint dem ideologisch geprägten Sexualitätsverständnis der Autoren ganz offensichtlich zu widersprechen. Ungeachtet der Gefahren huldigen sie der unbelegten These, wonach Kinder sexuelle Wesen seien, deren sexuelle Explorationen man nicht verbieten sollte.

Ideologie wichtiger als Schutz vor Missbrauch

Dass die Realität auf dem Altar der Ideologie geopfert wird, ist ein Phänomen, das in Sachen Sexualpädagogik besonders gut zu beobachten ist. Erstaunlich ist aber, dass dies auch im frühen Kindesalter geschieht, ohne dass sich eine empörte Protestwelle erhebt. Ausgehend von den besorgniserregenden Zahlen in Bezug auf sexuelle Übergriffe unter Kindern hat die Neue Osnabrücker Zeitung dem Thema Sexualpädagogik in Kitas vor einiger Zeit zwei Artikel gewidmet. Auch dort werden Doktorspiele als vollkommen unproblematisch dargestellt, solange dabei ein paar Regeln eingehalten werden.

Die Lösung liege laut NZO-Autorin Burgard-Arp vielmehr darin, Sexualaufklärung bereits im Vorschulalter verpflichtend zu machen – adieu Elternrecht! „Mit Hilfe von Büchern oder Puppenspielen” sollen Kinder beispielsweise lernen, „euer Körper ist euer Körper. Lust ist etwas Normales und Tolles, aber ihr dürft jederzeit Nein sagen – und deshalb darf das andere Kind es auch.“ Noch direkter formuliert es Sexualpädagogin Ulrike Schmauch: „In Kindertagesstätten sollte gefördert und unterstützt werden, dass Kinder ihre Körper erkunden. Zum Beispiel durch Rückzugsorte wie Kuschelecken.“ Zudem sei es „ganz normal“, „dass kleine Kinder Grenzen überschreiten“. Die vorgetragenen Sorgen vor sexuellen Übergriffen unter Kindern sind indes wenig überzeugend, wenn sexuelle Erkundungen unter Kindern gefördert werden sollen und die daraus resultierenden Grenzüberschreitungen als normales Verhalten der Kinder verharmlost werden.

Der Schutz vor sexuellem Missbrauch ist ein viel zu hohes Gut, um damit zu spielen. Im Gespräch mit der Initiative Elternaktion betont der Psychotherapeut Dr. Christian Spaemann, dass es sich bei Doktorspielen, „um Neugierde- und Explorationsverhalten“ handelt und warnt, dass dies „aber im Kontext eines Kindergartens viel zu riskant (ist), als dass man es zulassen oder gar fördern könnte. Das kann ich als Psychotherapeut bezeugen. Jugendliche und Erwachsene berichten mir immer wieder von Übergriffen in der Kindheit, auch bei Doktorspielen, die sie nicht mehr vergessen können.“ Es ist daher höchste Zeit, die Ideologie aus Kindertagesstätten zu verbannen und Kindern einen wirksamen Schutz vor Übergriffen zu bieten.

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